Zum “Tag des offenen Denkmals” am 08.Sept.02 in Sprockhövel:

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat den diesjährigen Tag des offenen Denkmals unter das Thema "Ein Denkmal steht selten allein: Straßen, Plätze, Ensembles" gestellt.

Was für Vorstellungen verknüpfen wir mit "Straßen, Plätzen,Ensembles" ? Sie verbinden, sie führen zusammen, häufig wird man auch sagen müssen: Sie zwingen zusammen.ein voller Saal

Es ist Zufall, daß der "Tag des offenen Denkmals" mit dem Straßenfest in Niedersprockhövel zusammenfällt. Die wenigsten Teilnehmer wissen, daß die Kulisse, vor der sie feiern, z. T. denkmalgeschützt ist, zumindest von der Ortskerngestaltungssatzung erfaßt wird.

Diese Satzung ist Anfang der 80er Jahre drüben in der damaligen Heimatstube im denkmalwürdigen Schultenhof erörtert, formuliert und schließlich zur Entschlußreife gebracht worden. Beteiligt waren an dieser mehrwöchigen Diskussion sachkundige und engagierte Vertreter der Verwaltung, der Ratsfraktionen und des Heimatvereins.

Eine "breite Welle des Denkmalschutzgedankens erreichte uns 1980, als das Land Nordrhein-Westfalen sein Denkmalschutzgesetz verabschiedete. Mit einiger Verspätung wurden im Land Empfehlungen des Europarates von 1975 umgesetzt. Unter dem Leitspruch "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" wurde beispielsweise als Ziel genannt, "Denkmäler und Gesamtkomplexe von historischem und ästhetischem Wert zu schützen".

Neben der historischen Wertigkeit wird also auch als Maßstab die Ästhetik angeführt. Gerade die Schönheit von Plätzen und Straßen verführt zum Genießen, lädt ein zum Verweilen, zum Gespräch, zur Begegnung schlechthin.

Nach den Vorstellungen des Europarates gilt es, das historische Erbe in das Leben von heute zu integrieren. Das geschieht beispielsweise durch die Modernisierung alter Bauwerke - natürlich unter Wahrung der äußeren Strukturen. Auch denkmalgeschützte Bauwerke können - das lehrt zwischenzeitlich die Erfahrung - den gleichen Zweck erfüllen wie neue Gebäude. Dazu gibt es Beispiele auch in Sprockhövel.

Mitunter langsam reift die Erkenntnis, daß die Erhaltung von Monumenten auch die Qualität unseres Lebensraumes positiv verändert. Wichtig ist natürlich, daß Neubauten sich den Gesetzen des Umfeldes fügen. In dieser Sache fehlt es in Sprockhövel mitunter an der Feinabsprache zwischen Bauherrn, Architekten und Baugenehmigungsbehörde.

Ein Beispiel: Zwischen zwei Gebäude mit Krüppelwalmdach wird ein drittes, obendrein überdimensioniertes, mit einem einfachen Satteldach gesetzt.
Oder: Die Baulücke zwischen einem Backsteinhaus und einem aus Sandstein errichteten Ensemble wird mit einem weißverputzten Wohnhaus aufgefüllt.
Ein drittes Beispiel: Bis in das 20. Jahrhundert hinein legten Bauherren und Architekten Wert aut Schmuckelemente, beispielsweise bei Eingangs- und Fensterrahmungen und bei Gesimsen. Die heutigen Vorstellungen von Ökologie und Ökonomie legen Wärme- dämmung nahe. An der von mir beobachteten Maßnahme läßt die aufgelegte Dämmschicht die bisher aus der Fassadenwand herausspringenden Fenster- und Tür- laibungen verschwinden. Der die verhältnismäßig große Giebelwand gliedernde und belebende Schattenwurf ist unwiderruflich dahin. Die Ästhetik leidet, der Ästhet mit ihr.

Das sind nur drei Beispiele, die je für sich genommen nicht in den tiefen Abgrund denkmalpolitischer Sündhaftigkeit schaudernd blicken lassen. Wer jedoch in mehr als 20 Jahren den Denkmalschutz fördernd, empfehlend und Hand anlegend begleitet hat, wird manche nur oberflächlich vernarbte Wunde spüren. Daß das zu Fritz Lehmhaus' Lebenszeit noch idyllische Unterdorf seinen Charakter, genauer: seine Seele schon vor Jahrzehnten eingebüßt hat, ist dem Niedersprockhöveler schmerzlich bewußt. Ein anderes Ensemble - "Auf dem Schee" - ist als Ganzes nicht geschützt, weil einige Anwohner das nicht wollten. Aber der größere Teil der Gebäude erfreut sich des gesetzlichen Schutzes. Nachbarschaftliches Konkurrenzdenken ermöglichte ein insgesamt erfreuliches Erscheinungsbild. Ähnliches wäre dem Ensemble "Im Dorf" in Haßlinghausen zu wünschen. In Eigeninitiative gepflegte Gebäude büßen ihre Wirkung durch ein marodes Objekt ein.

Das Klagelied könnte ich nun fortsetzen.

Zwei Negativ-Beispiele möchte ich jedoch noch anführen, weil übergeordnete Behörden beteiligt waren.

Mit reich differenzierender Argumentation hatte sich der Ortsheimatpfleger für die Erhaltung des Restes eines Hammerteiches am Pleßbach eingesetzt. Mit der Sensibilität einer Dampfwalze reagierte die untere Landschaftsbehörde: Der Teich steht nicht auf der Schutzliste der Bodendenkmäler.Also wird er verfüllt.

Ferner: Eines der ehrwürdigsten Monumente der Bergbaugeschichte überhaupt - der Stock-Scherenberg-Erbstollen - erlebte ein ähnliches Schicksal. Das denkmalgeschützte Stollenmundloch - heute fast verschüttet - und die Rösche blieben erhalten. In den Stollen selbst ließ die Bergbehörde überstürzt einen Verfüllungspfropfen setzen. Unsere Vorschläge zur Sicherung des Stollens wurden beiseitegeschoben. Peinlich wurde es allerdings, als bekannt wurde, daß der Stollen von den vom Aussterben bedrohten Mausohr-Fledermäusen als Rast- und Überwinterungsplatz genutzt wurde.

Soweit der kritische Rückblick. Was läßt uns die Zukunft erwarten?

Wenn wir den Blick durchs Fenster nach draußen werfen, dann sehen wir die evangelische Kirche vor uns, 1785 erbaut. Friedrich d. Gr. hat einen Zuschuß geleistet. Die Kirche repräsentiert gleichsam das Spirituelle, das nach oben Weisende. Wenn wir die Linie Kirche - Schule fortsetzen, gelangen wir an ein anderes denkmalgeschütztes Bauwerk, den Malakowturm, der uns gedanklich nach unten führt, dorthin, wo noch vor wenigen Jahrzehnten viele Hunderte von Bergleuten für sich und ihre Familien das Brot verdienten. Zwischen beiden Türmen - dem sog. Zwiebelturm und dem Malakowturm - befndet sich ein weiteres denkmalgeschütztes Gebäude: die Schule. In ihr ist neben anderem beides zu vermitteln: das Spirituelle, d. h. das Geistig-Religiöse, und das Wirtschaftlich-Soziale.
Der Blick zur Kirche umgreift auch den Platz, Busbahnhof und Schulhof. Sie, meine Damen und Herren, verbinden mit diesem öffentlichen Bereich Ihre eigenen Assoziationen.
Sein fragwürdiges Erscheinungsbild wird leider bestimmt von Unachtsamkeit, Gleich- gültigkeit, Bequemlichkeit oder gar Mutwilligkeit. Gerade dieser für die Öffentlichkeit Sprockhövels so bedeutsame Platz mit seiner z. T. imponierenden Kulisse müßte doch am ehesten identifikationsstiftend sein. An Papierkörben fehlt es nicht, es sind eher zu viele. Die Einstellung der Benutzer, vor allem der jüngeren Generation stimmt nicht.

Gerade was das Verhältnis zwischen den Generationen anbetrifft, möchte ich eine Beobachtung Reich-Ranickis aufgreifen. Mit Blick aut die Geschichte der Romanliteratur in Deutschland kommt er zu der Erkenntnis, daß nur drei Werke die Jahrhunderte überdauern - gleichsam als Weltkulturerbe. Alle anderen, auch heute hoch gehandelten Autoren verschwinden nach 30 bis 40 Jahren im Strudel des Vergessens, geraten bestenfalls noch in die Mühlen der erbarmungslos analysierenden Germanisten. Alles Menschliche ist transitorisch; nichts von Menschenhand und -verstand Geschaffenes ist für die Ewigkeit.
Ein Zeitraum von 30 bis 40 Jahren! Das ist die Dauer des beruflich aktiven Lebens, das ist der Zeitunterschied zwischen zwei Generationen. Was wir, d. h. unsere Generation, in Sachen Denkmalschutz zu tun haben, wissen wir so ungefähr. Wir können nur für uns garantieren. Wie die nachwaschsende Generation mit der Vergangenheit umgehen wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Skepsis darf sein. Für die Skepsis sind Resignation, Gieichgültigkeit und Apathie nur ferne Verwandte, mit denen man möglichst nichts zu tun haben möchte. Skepsis ist - wenn man so will - Dennoch-Pessimismus.
Der ehemalige Bürgermeister der Hansestadt Lübeck Robert Knüppel, der sich lange und intensiv um die Anerkennung seiner Stadt als Weltkulturerbe bemüht hatte, formulierte es fast beschwörend so:
   "Als Materie gewordene Geschichte ist die Stadt in ihrem ganzen Reichtum, in ihrer
     unverfälschten Einheit für die Nachkommenden zu erhalten. Das ist die Verpflichtung
     jeder Kulturnation und jeder lebenden Generation, der Begriff 'Weltkulturerbe' macht
     es bewußt."
"Das ist die Verpflichtung jeder Kulturnation und jeder lebenden Generation" - in einem bescheideneren Maßstab gilt das auch für unsere Stadt. Unser Bemühen um den Denkmalschutzgedanken ist eine Aufgabe, die Tag für Tag zu erledigen ist. Uns wie der nachwachsenden Generation ist es aufgetragen, "der Vergangenheit eine Zukunft zu geben" bzw, zu verinnerlichen, was auf der anderen Seite der Medaille steht:
"Zukunft braucht Herkunft".

Es sollte hoffnungsfroh stimmen, daß die Organisatoren des heutigen Tages gerade eine Schule als Ort ihrer Veranstaltung gewählt haben.

Ludger Haverkamp,
Vorsitzender des HGV

Denkmalschutz in Sprockhövel

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